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Donnerstag, 31. August 2017, 16:50

Liebes Tagebuch,

warum führt eine Zeitung, wie der Spiegel, mit Politikern Interviews? Du meinst, damit sie auf Fragen Antworten bekommen? Wer bitte hat Dir solchen Unsinn erzählt! Du hast von deutscher Politik keine Ahnung.

Dieser Tage interviewte der Spiegel den Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD). Der war noch bis Anfang des Jahres Vorsitzender der SPD, bis ihn Martin Schulz ablöste. Damit aber nicht genug. Jener Martin Schulz will im September der Nachfolger Kanzlerin Merkels (CDU) werden.

Nun wird also Gabriel interviewt, und zwar, was er über Schulz und dessen Siegesaussichten denkt. Die SPD liegt derzeit 15 Prozent hinter der CDU. Dass Schulz gewinnt, glaubt keiner, außer vielleicht Schulz selbst. Gabriel könnte nun bei der Wahrheit bleiben und sagen: „Der Schulz hat null Chancen, der nächste Kanzler zu werden.“ Das wäre klar und präzise und - zu eindeutig. Jedenfalls für Gabriel. Gabriel ist ein typischer Politiker. Und wo typische Politiker sind, ist typischerweise immer auch heiße Luft und Rauch.

Was der Gabriel jetzt gefragt worden ist? Die Journalisten wollten von ihm wissen, ob seiner Ansicht nach, die Große Koalition aus CDU und SPD weiter geführt wird, sollte die CDU gewinnen und die SPD nur zweitstärkste Partei werden. Darauf hätte Gabriel mit „ja“ oder „nein“ antworten können und er hätte damit alles gesagt, was von Bedeutung ist. Aber funktioniert so Politik?

Was ist Politik? Politik ist eine Geisterbahn aus Worten. Dazu da, Bürger zu erschrecken. Politik ist ein Trostpflaster, dazu da, gebrochene Lächeln zu heilen. Politik ist eine Fackel der Begeisterung, die von jenen getragen wird, die verändern wollen.

Stopp? Wieso Stopp? Ach so! Stimmt, wer verändern will, krempelt die Ärmel hoch, was soll ihm da eine Fackel! Ich merke schon, Du bist kein Tagebuch, sondern mehr ein Philosoph – auch gut!

Jedenfalls ist der Gabriel ein Mensch, der verändern will, indem er eine Fackel trägt und voran geht. Richtig, liebes Tagebuch: Er zeigt anderen, die ihre Ärmel hochkrempeln, den Weg. Und weil ihn dies bereits überfordert, ist er auch immer außer Puste.

So kam es wohl, dass er auf die genaue Frage der Journalisten keine genaue Antwort fand. Man kann seinen Standpunkt, bezüglich der Großen Koalition, so zusammenfassen: Ihre Weiterführung ist „eine gute Idee“ – aber auch eine „absurde Theorie“. Was das jetzt bedeutet? Die Journalisten meinten, es bedeute, dass Gabriel gegen die Große Koalition sei. Und Gabriel selbst? Der präzisierte, dass er auch „weiterhin“ an eine „große Chance“ für seine Partei hoffe. Zudem wolle er Schulz nicht vorschreiben, ob der für – oder gegen – eine Große Koalition zu sein habe.

Ich hoffe, liebes Tagebuch, Du weißt jetzt, warum eine Zeitung mit einem Politiker Interviews führt? Warum? Na, damit sie hinterher weitere Meldungen liefern kann. So sorgt sie selbst immer wieder für Beschäftigung.

(31.08.17)

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