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Samstag, 4. November 2017, 21:36

Was ich Kurt Tucholskys Schnipsel verdanke

Ich entdeckte Tucholskys „Schnipsel“ in der Bücherei meines Viertels. Damals war ich 15/ 16 Jahre alt und neugierig darauf, was sich hinter dem geheimnisvollen Titel verstecken mochte. So blätterte ich im Buch, halb überrascht und halb skeptisch. Es war eine Spruchsammlung! Rein zufällig hielt ich inne bei: „Ein skeptischer Katholik ist mir lieber, als ein gläubiger Atheist.“

Der Name Kurt Tucholskys war mir bis dahin unbekannt, auch mochte ich keine Spruchsammlungen, da ich aus Mannheim stamme, einer Stadt, in der jeder glaubt, er sei ein geborener Sprüche-Klopfer. Will ich eine Sammlung von Sprüchen anhören, muss ich bloß einer Ansammlung von Mannheimern über den Weg laufen.

Warum erwähne ich dann den Spruch? Er gehört zu meinen Aha-Erlebnissen als Schriftsteller, denn: Mich berührte der Spruch kaum und ich wollte schon weiter blättern, doch fiel mir plötzlich auf, dass von „skeptischen“ und nicht von „gläubigen“ Katholiken die Rede war, wie man erst hätte vermuten können. Hieße der Spruch: „Gläubige Katholiken sind mir lieber, als skeptische Atheisten“, wäre das eine Ansicht, die geradezu schreien würde vor bedeutungsvoller Nichtssagenheit.

Tucholsky hatte also aus einer geläufigen Floskel eine ungewöhnliche gemacht. Oder anders gesagt: Er hatte das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen entdeckt. Das ergriff mich!

Als ich weiter darüber nachdachte, erkannte ich, dass mir hier ein Konzept geboten wurde, mit dem ich selbst Sprüche dichten konnte. Ich musste nicht mehr auf Inspiration lauern.

Ich habe mir die Schnipsel ausgeliehen und es nicht bereut. Einige Zeit später habe ich mir sein Buch sogar gekauft und besitze es noch heute.

Danke, Herr Kurt Tucholsky!

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