Sie sind nicht angemeldet.

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: die Kunstfechter . Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

1

Donnerstag, 26. Juli 2018, 20:45

Der gehorsame Napoleon

Nach der Völkerschlacht bei Leipzig ahnte Napoleon, dass seine Tage als Kaiser gezählt sein würden, und trotzdem behielt er seinen Humor. So geriet er in Mannheim mit einer resoluten Bürgerin in Streit, als er nachts über den Rhein setzten wollte, und es dabei Geschrei und Lärm gab, weil einige Soldaten fliehen wollten.

„Ich befehle Gehorsam!“, rief Napoleon.

„Gut“, rief die empörte Dame, „dann befehlen Sie gehorsam, dass endlich Ruhe ist!“

„Zu Befehl, Frau General!“, sagte Napoleon, ließ die Deserteure in Ruhe und verschwand mit seinen restlichen Soldaten über die Rheinbrücke.

Doro

Fortgeschrittener

Beiträge: 270

Wohnort: Burglengenfeld

Beruf: SAP Consultant ABAP Development,aber jetzt im Ruhestand

  • Nachricht senden

2

Freitag, 27. Juli 2018, 13:01

Eine nett erzählte Anekdote. Ob sie wohl wahr ist? Für mich steht Napoleon für etwas anderes; für imperiale Eroberungskriege. Dass er dabei nebenher auch ein paar fürstliche Despoten im heiligen römischen Reich deutscher Nation beiseite geräumt und Freiraum für Aufklärung und Parlamentarismus geschaffen hat, ist sozusagen ein "Kollateralschaden" seiner Kriegsführung, wiegt aber die Toten seiner Kriege nicht auf.

3

Samstag, 28. Juli 2018, 02:56

Meine Erfahrung ist die: schreibt man eine Anekdote, sollte sie etwas überraschendes für Leser bieten können. Napoleon war ein Despot, schreibt man eine Anekdote, die illustriert, wie despotisch er war, hat er Leser exakt das, was er erwartet hat und er wird die Anekdote vergessen, das ist etwa so, als erzählte man einen Witz, deren Pointe bekannt oder erwartbar ist, man erntet bloß ein müdes Lächeln.

Gute Anekdoten stellen Personen in Situationen, die für diese Personen ungewöhnlich sind. Napoleon ist ein Despot, der von seiner Umwelt bedingungslosen Gehorsam erwartet hat. Die ungewöhnliche Situation wäre nun die, dass man Napoleon auf jemanden treffen lässt, der widerspricht oder sich nicht beugen will. Napoleon muss darauf reagieren und das Ergebnis charakterisiert ihn dann.

Wie es ist, Napoleon als Despoten zu charakterisieren, ist eine knifflige Frage, über die ich nachdenken muss. Weil Anekdoten von Überraschungen leben. Und wenn man weiß, dass jemand ein Despot ist, was ist daran die Überraschung? Das mag jetzt dumm gefragt sein, aber ich weiß gerade nicht, wie ich da anfangen würde, dass am Ende sein despotisches Verhalten die Überraschung ist.

Anekdoten können, müssen aber nicht, wahr sein. Sie müssen, wenn auch nur erfunden, wahrscheinlich sein.

Doro

Fortgeschrittener

Beiträge: 270

Wohnort: Burglengenfeld

Beruf: SAP Consultant ABAP Development,aber jetzt im Ruhestand

  • Nachricht senden

4

Samstag, 28. Juli 2018, 13:30

Mit dem Überraschungseffekt bei Anekdoten hast Du sicher Recht. Aber sind solche Anekdoten, die einen Despoten sympathisch darstellen, nicht ebenso "peinlich" wie das Foto berühmter Fußballstars mit einem Diktator?
Wollte Dir nicht zu nahe treten oder Dich gar beleidigen! Vielleicht sehe ich die Funktionvon Literatur jetzt zu streng an Ethik und Ideale geknüpft. Manchmal will sie ja auch einfach nur unterhalten? Aber da sind wir schon bei solchen Fragen angekommen, ob es Grenzen des Erlaubten bei der Unterhaltung gibt. Diese Grenzen hat Deine Anekdote sicherlich nicht überschritten.

5

Montag, 30. Juli 2018, 18:24

Wir sprachen von Klischees. Stellt man Diktatoren immer nur einseitig schlecht dar, ist das ein Klischee. Diktatoren sind Menschen und damit widersprüchlich. Ich wüsste nicht, warum man sie anders darstellen sollte? Ich gehe davon aus, dass wir über Kunst reden und nicht über Propaganda, die einfach nur die passende Botschaft übermitteln soll. Für mich beschreibt Kunst die Widersprüchlichkeit des Lebens. (Die beiden Seiten einer Medaille.)

Doro

Fortgeschrittener

Beiträge: 270

Wohnort: Burglengenfeld

Beruf: SAP Consultant ABAP Development,aber jetzt im Ruhestand

  • Nachricht senden

6

Freitag, 3. August 2018, 15:23

Völlig zurecht unterscheidest du zwischen Polemik und Kunst.

Zitat

Diktatoren sind Menschen und damit widersprüchlich.

Ja, jeder Mensch sollte umfassend gewürdigt werden und nicht einfach auf eine Schablone festgelegt werden. Aber kann denn durch so eine kleine, kurze Anekdote die von Dir geforderte kritische Würdigung überhaupt geleistet werden?

7

Freitag, 3. August 2018, 22:41

Das kann ich nicht beantworten. Aber selbst wenn ich einen Roman geschrieben hätte, könnte man fragen, ob Napoleon ausreichend gewürdigt worden ist. Eine Anekdote erfasst nur einen Moment, der aber typisch sein kann. Und zwar für diese Person oder für die Zeit oder die Gesellschaft, die charakterisiert werden soll. Schau Dir Bilder aus Deinem Fotoalbum an, welches Bild kann einen Menschen vollauf kritisch würdigen? Ich vermute: keines. Es sind eben nur Bestandsaufnahmen, so wie die Anekdote auch nur den aktuellen Ist-Zustand abbildet.

Ganz praktisch gesprochen: Ich selbst bin zufrieden, wenn ein Text keine Schablone ist, sondern berührt oder mindestens anregt/ aufregt.

Doro

Fortgeschrittener

Beiträge: 270

Wohnort: Burglengenfeld

Beruf: SAP Consultant ABAP Development,aber jetzt im Ruhestand

  • Nachricht senden

8

Samstag, 4. August 2018, 13:41

Zitat

Ganz praktisch gesprochen: Ich selbst bin zufrieden, wenn ein Text keine Schablone ist, sondern berührt oder mindestens anregt/ aufregt.
Ja, das kann ich so stehen lassen. Wahrscheinlich liegen meine "Probleme" an meinem doch etwas anderen, manchmal sehr engen, vielleicht auch elitären Blick auf Literatur.