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  • »Rolf Ronck« ist der Autor dieses Themas

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Sonntag, 2. September 2018, 15:50

Afrika - 1. Teil

Die Welt ist voller Wunder und Mysterien, voller Zauber und Magie.
Unsere Fantasie kann der Schlüssel sein zu einer der Türen, hinter denen sich diese zauberhafte Welt verbirgt. Ist es uns gelungen eine solche Tür einmal zu öffnen, so sollten wir, trotz unserer Neugier, nicht leichtfertig und unüberlegt hindurch gehen.
Denn manchmal gibt es kein zurück mehr.

Bis zu meinem zwölften Lebensjahr lebte ich mit meinen Eltern in einem winzigen, verschlafenen Weiler im Hochwald, südlich der Eifel. In unserem Ort gab es einen Milch- und Käsehändler und einen Bäcker, der auch die nötigsten Lebensmittel anbot. Es war eine Zeit, nicht sehr lange nach dem großen Krieg.
Vier Häuser neben unserem lebte die Familie Maloschyk.
Zur Familie Maloschyk gehörten die Eltern und zwei Kinder, nämlich Gertrud und Gregor. Gertrud war drei Jahre älter als ihr Bruder und Gregor war ein halbes Jahr älter als ich, und er war mein bester Freund.
Der Grund, weswegen Gertrud und Gregor einen so fremdartigen Nachnamen hatten, war der, dass ihre Eltern im Krieg aus Schlesien fliehen mussten.
Damals fand ich Gregors Nachnamen schöner, oder besser gesagt interessanter, als meinen eigenen. Ich heiße nämlich Weber. Peter Weber. Das klingt so einfach und langweilig – jedenfalls war das meine damalige Ansicht.
Nun, Gregor und ich waren praktisch den ganzen Tag zusammen. Die Leute lachten oft, wenn sie uns zusammen sahen und nannten uns Max und Moritz.
„Ihr seid ebensolche Lausbuben wie Max und Moritz“, sagten sie und streichelten uns über die Köpfe.
Gregors Kopf war pechschwarz. Nein, nicht sein ganzer Kopf, nur seine Haare. Dagegen waren meine hellblond. Und ich hatte Sommersprossen. Diese verhassten Tupfen im Gesicht und an den Unterarmen, die sich im Sonnenlicht von Tausend Stück zu Milliarden vermehrten. Ich mochte sie nicht, und habe mich oft über ihr Dasein beschwert.
„Lass doch“, sagte dann Gregor. „Wenn ich sie hätte, würde mich das nicht ärgern.“

Eines Abends im Sommer, nachdem ich mal wieder eine Schimpfkanonade gegen die blöden Sprossen losgelassen hatte, meinte Gregor: „Weißt du was? Heute Abend, wenn wir ins Bett gehen und das Nachtgebet sprechen, bitten wir den lieben Gott, dass er mir deine Sommersprossen gibt. Dann bist du sie los und mir machen sie nichts aus.“
Und so haben wir es auch gemacht.
Es hat aber leider nichts genützt. Warum der liebe Gott unserem Wunsch nicht nachgekommen war, weiß ich nicht. Vielleicht hatte er an diesem Abend Wichtigeres zu tun.

In der warmen Jahreszeit waren wir, wie es damals üblich war, von morgens bis abends draußen. Die Hälfte der Dorfbewohner verdiente sich ihren Lebensunterhalt mit Landwirtschaft, und so war unser Ort umgeben von Äckern und Wiesen. Dorf und Felder wiederum waren in ein riesiges Waldgebiet eingebettet. Ein Paradies für uns Kinder.
Wenn wir unser Dorf in östliche Richtung verließen, kamen wir nach etwa zwei Kilometern an einen kleinen Weiher. Dort war zwar das Schwimmen verboten, aber wer sollte uns schon davon abhalten? Alle Leute hatten tagsüber ihre Arbeit und wir waren immer auf der Hut, falls doch mal jemand vorbeikommen sollte. Jedenfalls hat uns nie jemand erwischt.

Weil es in jener Zeit im Winter noch ordentlich Schnee gab, war es selbstverständlich, dass auch wir stolze Besitzer eines Schlittens waren. Mein Opa war ein hervorragender Zimmermann und er hatte, als wir ungefähr sechs Jahre alt waren, zu Weihnachten für Gregor und für mich jeweils einen Rodelschlitten gebaut. Unsere Rodelbahn war nicht sehr weit weg. Wir mussten nur in Richtung Weiher laufen und auf halbem Wege nach links abbiegen und an Bauer Berwangers Maisfeldern vorbei längs bis zum Waldrand. Dort war ein kleiner Hügel – nicht sehr hoch, aber sehr lang. Ideal um ordentlich Fahrt aufzunehmen.

Damals waren Entfernungen von drei, vier, fünf Kilometern, die man zu Fuß zurücklegen musste, kein Thema. Unsere Schule war im Nachbarort und mindestens drei Kilometer Fußweg von zu Hause weg. Zu jener Zeit hatten die Eltern weniger Angst um ihre Kinder, wenn diese außer Haus waren, als heute. Ihre Sorgen beschränkten sich darauf, dass der Bub vom Baum fallen und sich den Arm brechen könnte. Oder dass sich die Tochter in dem alten, gesprengten Bunker das schöne Kleid an einer, aus dem zerbröckelten Bunkerbeton herausragenden Stahlarmierung zerreißen könnte.

Dass es in unserem Dorf, in unserer kleinen, heilen Welt, trotzdem zu einer unfassbaren Katastrophe kommen konnte, hätte niemand jemals für möglich gehalten.

Mein erstes Fahrrad bekam ich zu meinem achten Geburtstag. Gregor bekam seines ein Dreivierteljahr später. Es war das Jahr, in dem das Entsetzliche passierte.
Als wir Räder hatten, erweiterten wir natürlich unseren Horizont.
Wir klapperten in den Ferien im Umkreis von vielleicht fünfzehn Kilometern alle umliegenden Dörfer ab. Auch die nächstgelegene größere Stadt war vor uns nicht sicher. Aber dort gefiel es uns nicht. Zu viele Autos und zu viele Ampeln. Da machte das Fahrradfahren keinen Spaß. Und so blieben wir den altbekannten Wegen und Plätzen treu.
Nach diesem aufregenden Sommer kam ein langer, nasskalter Herbst. Wenn es draußen so ungemütlich war, spielten wir abwechselnd bei Gregor oder bei mir in der Wohnung. Ich hatte einen Mechanik-Baukasten, für den sich Gregor mehr interessierte als ich, und er hatte einige Spielzeugfiguren aus Holz, die mit bunten Farben angemalt waren, und mit denen ich mich lieber beschäftigte als er. Es waren Cowboys und Indianer. Manche saßen auf Pferden, andere standen auf ihren Füßen und schwangen Lasso oder Tomahawk. Dazu gab es zwei Zelte und eine Pferdekutsche. Trotz unserer Vorlieben für das eine, oder das andere Spiel, spielten wir immer zusammen. Außer mit dem Baukasten und den Figuren spielten wir auch Schwarzer Peter, was Gregor immer zu Neckereien mit meinem Vornamen veranlasste, oder wir malten.

Malen war etwas, was wir beide sehr gerne taten. Das Problem war allerdings, dass zu jener Zeit weißes Papier, auf dem man zeichnen konnte, sehr teuer war, und man es auch nicht an jeder Ecke kaufen konnte. Also nutzten wir das was wir hatten, nämlich den unbedruckten Rand von alten Zeitungen, oder die Rückseite von Tapetenresten Mit Mal- und Bleistiften versorgte uns meistens Frau Zöllner, eine Nachbarin der Maloschyks. Sie arbeitete dreimal die Woche in der Stadt in einem Schreibwarenladen. Dort gab es immer mal wieder Zeichenstifte, die gebrochen waren, oder deren Verpackung unansehnlich war, sodass man sie nicht mehr verkaufen konnte. Das war die Version, die sie uns erzählte. Heute glaube ich, sie hat die Stifte gekauft, weil sie wusste, dass wir gerne zeichneten. Sie selbst war unverheiratet und kinderlos.

Wenn wir aber auch vom Malen genug hatten, blätterten wir in Gregors Buch über Afrika. Das war ein dicker, schwerer Wälzer mit vielen Schwarz-Weiß-Fotos von wilden Tieren und von Landschaften und Menschen des schwarzen Kontinents. Gregor sagte oft, dass er Afrika-Forscher werden will, wenn er groß ist.
Ich weiß nicht, wie viele Male wir dieses Buch aus Gregors Wäschekommode holten und aufschlugen. Wir fanden immer etwas Neues, was uns zuvor nicht aufgefallen war, als hätte das Buch ein Eigenleben. Es schien, als kämen immer neue Artikel und neue Fotos dazu.
http://www.lulu.com/spotlight/tetracolor
Ich bin ein Ver-Rückter. Aber ich mag mich. 8)

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