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Mittwoch, 5. September 2018, 16:28

Ein schlechter Tag für Streber

2. Version:



Der Vater kehrte von der Büroarbeit zurück, legte Mantel und Schuhe ab, gab der Mutter einen Kuss auf die Wange und fragte: „Wieder ein Brief von der Schule?“

„Nein, ausnahmsweise hockt er in seinem Zimmer und löst Matheaufgaben.“

Der Vater staunte und lief den Gang runter, wo der Junge sein Zimmer hatte. Die Tür war offen: „Du machst ja tatsächlich Hausaufgaben.“

Der Junge drehte sich zum Vater um. „Wenn ich fertig bin, kann ich in den Hof, spielen?“

„Nichts da“, sagte die Mutter, die auch ins Zimmer trat, „zuerst gibt`s noch Abendbrot.“

„Das kann ich doch später essen.“

Der Vater lachte ungläubig. „Unser Sohn ist nicht hungrig und macht freiwillig Mathe. Da habe ich doch was verpasst.“

„Das würde mich auch interessieren. Du hast doch was Schlimmes angestellt – nicht wahr?“
Der Junge schüttelte den Kopf.

Die Eltern blickten sich ratlos an, dann sagte die Mutter: „Also ein Mädchen!“

Der Junge bekam rote Ohren. Der Vater lachte und dachte an seine ersten zaghaften Amouren.

„Wie heißt sie“, fragte die Mutter.

„Hellen.“

„Und ihr wollt euch öfter sehen?“

Der Junge nickte.

Der Vater machte ein nachdenkliches Gesicht. „Das heißt, du machst von jetzt ab deine Aufgaben, um nicht weiter Stubenarrest zu bekommen. Und Stubenarrest willst du keinen, wegen Hellen.“

„Unser Sohn wird noch ein ganz Fleißiger.“

„Hm. Das fürchte ich auch.“

„Wieso fürchtest du das? Fleiß ist doch gut.“

Der Vater nickte zustimmend. „Du hast ja Recht. Aber erinnere dich bitte an die anderen Schüler aus seiner Schule, wie es denen erging. Was ist mit vielen passiert, die Ehrgeiz und Strebertum gezeigt haben?“

Die Mutter dachte nach, dann sagte sie plötzlich, als ob ihr jemand einen Schlag versetzt hätte: „Ach ja, das war schlimm, die wurden gehänselt und verprügelt, bis die Eltern sie von der Schule genommen haben.“

„Eben. Ich kenne das aus unserem Büro, gibt da ein Kollege Gas, will der Chef, dass alle Gas geben. Aus dem Grund will keiner ehrgeizige Kollegen. Oder willst du einen Jungen, der durch Ehrgeiz für Druck und Hetze in der Klasse sorgt?“

Tief getroffen schwiegen beide. Da sagte der Junge zaghaft: „Aber sie ist doch voll nett und man kann mit ihr spielen und sie hat braune Augen und schulterlanges Haar und …“

„Nichts da!“, unterbrach ihn die Mutter. „Wenn ich es recht bedenke, ist es für Mädchen noch etwas zu früh.“

Der Junge begann zu heulen, aber auch sein Vater war dagegen: „Zock weiter vor dem PC und komm zu spät in die Schule. Lehrern Streiche zu spielen, mag einem Tadel einbringen, doch alles das ist immer noch besser, als die eigenen Klassenkameraden zu verraten, indem man sich auf die Seite der Lehrer stellt.“

„Genau!“, sagte die Mutter. „Lehrer und Streber sind wie die Beulenpest!“ Der Vater nickte zustimmend.

Da erkannte der Junge, dass er sie nicht umstimmen konnte und wischte sich die Tränen ab. „Krieg ich wenigstens Eis zum Nachtisch?“

Der Vater zuckte die Achseln, die Mutter sagte: „Aber sicher, du bist doch mein kleiner Schatz.“

Da lachte der Junge wieder. „Dann pfeif auf Mathe!“

„Das ist mein Junge!“, sagte der Vater.

Zufrieden und hungrig liefen alle in die Küche. Es gab Nudelauflauf mit belegten Broten und danach Spaghettieis für alle.

Hinterher saß der Junge am Computer und zockte Ballerspiele, während die Eltern Glücksrad sahen. „Dann war es doch noch ein schlechter Tag für Streber“, sagte der Vater zur Mutter.

„Ja, das ist ein Sieg für uns“, sagte die Mutter und kuschelte sich an den Vater.

Und wenige Minuten später schliefen sie auf dem Sofa ein und merkten nicht, dass ihr Junge wieder bis spät in die Nacht zockte. Wenigstens trieb er sich nicht mit den Raufbolden aus seiner Klasse rum. Und Hellen? Die war kein Thema mehr.

Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »Wolfgang« (7. September 2018, 16:25)


Doro

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2

Donnerstag, 6. September 2018, 11:51

Hallo Wolfgang,

das ist mal wieder eine Geschichte mit einer überraschenden Wendung, wie Du sie magst. Die Personen sind gut charakterisiert durch ihre Dialoge. Die skurrile Wendung lässt keine Langeweile aufkommen. Wer Kinder/ Jugendliche mag, der wird etwas bedrückt sein durch den Schluss, denn der Junge versumpft wieder in seiner Zockerwelt.

Für mich persönlich ist die Haltung der Eltern wenig glaubhaft. Heute haben Eltern keine Angst davor, dass ihre Kinder Streber werden, sondern eher, dass sie ihre Chancen auf ein Studium nicht wahrnehmen durch schulisches Versagen. Das Abitur muss gemacht werden, um beinahe jeden Preis, auch wenn die Begabung der Sprösslinge eigentlich ganz woanders liegt.

Aber das ist ja vielleicht auch gar nicht das Anliegen Deiner Geschichte. Geht es vielleicht eher um die Angst vor dem Mobbing, das auf strebsames Verhalten folgen könnte? Geht es um die Rahmenbedingungen, die das Zocken an den Egoshootern besonders fördern? Oder geht es einfach um skurriles Verhalten der Protagonisten?

Ich ahne Deine Antwort schon. Das darf sich der Leser selbst aussuchen.

Freundliche Grüße, Doro.

3

Donnerstag, 6. September 2018, 17:54

Hm, das klingt so, als würde ich mich wiederholen ... Mir fällt auf, dass ich eine andere Lesart der Geschichte habe und die hast Du nicht bennant. Das musst Du auch nicht, weil der Text so geschrieben ist, dass verschiedene Deutungen möglich sind. Eins interessiert mich aber, auf welche Statistiken/ Quellen stützt Du Dein Wissen darüber, wie Eltern generell sind? Für mich klingt Deine Einschätzung so, als könnten Eltern unmöglich so reagieren, wie in der Geschichte.

Doro

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4

Donnerstag, 6. September 2018, 18:03

Hallo Wolfgang,

ich wollte nicht einmal versehentlich andeuten, Du würdest Dich wiederholen. Nur, dass du offenbar überraschende Wendungen in Deinen Texten magst.
Was mein Wissen über Eltern angeht, so habe ich jetzt keine Statistik parat. In meinem Lebensumfeld sind ungeheur viele Lehrer, die darüber erzählen, dass sie Ärger mit vielen Eltern bekommen, wenn der Übertritt ins Gymnasium nicht geschafft wird. Wenn man sich die Mühe machen würde, denke ich, dann würde man schon Zahlenmaterial finden. Über zunehmende Abiturienten/Studenten, zunehmende Nachhilfestunden und interessante Korrelationen dazwischen. :D

Liebe Grüße, Doro.

5

Donnerstag, 6. September 2018, 18:56

Ich gestehe jedem seine eigene Lesart zu, aber so wie Du Deine formulierst, muss ich sie ergänzen: Ich komme aus einem sogenannten "Problemviertel", die Klassen sind mit Jugendlichen überfüllt, die kaum Deutsch sprechen oder verstehen können. Lehrer sind überfordert und oft unterbesetzt. Zudem ist die Schule - bei manchen - nicht die Hauptsache, weil sie lieber dealen oder stehlen. Du beschreibst eine Realität, wie Du sie kennst, das mag für Bildungsbürger gelten, aber über die rede ich nicht und die Eltern sind auch so charakterisiert, dass man sie nicht für Bildungsbürger halten kann.

Ich gebe Dir insofern recht, weil ich in der Geschichte generalisiere: Natürlich gibt es auch in Problemschulen Kinder, die sich vorbildlich verhalten, aber wenn man schreibt, muss man ja irgendwas schreiben, ansonsten wägt man sich zu tode.

Doro

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6

Freitag, 7. September 2018, 12:16

Ja, in der Tat, an Kinder in sogenannten Problemschulen habe ich nicht gedacht. Wenn ich an meine eigene Kindheit denke, ( wir waren 8 Geschwister, Mutter Alkoholikerin), dann habe ich das so erlebt, dass mein Vater Erziehungsfragen für Frauensache hielt, und meiner Mutter alles ergal war. Ob wir zur Schule gingen oder nicht, Hausaufgaben machten oder nicht, interessierte sie nicht. Damals konnte man auch 67 Tage im Schulhalbjahr fehlen, ohne das die Lehrer etwas unternahmen und z.B. die Polizei vor der Haustür stand.

Also auch aus eigenem Erleben kenne ich die beschriebene Konstellation nicht, und das mag mein Unverständnis vielleicht erklären. Deine Geschichte eröffnet mir insofern einen neuen Blick auf heutige Konstellationen.

LG Doro.

7

Freitag, 7. September 2018, 16:14

Dass Erziehung Frauensache ist, habe ich auch erlebt. Allerdings gibt es Mütter und Mütter. Nicht jeder Mutter ist alles egal, manche sind vor Ehrgeiz zerfressen. Dumm, wenn man so eine Frau zur Mutter hat. Aber ich will dieses Thema nicht weiter vertiefen, da es sonst zu persönlich wird.

Zum Text: Ich habe noch einmal darüber nachgedacht und ihn in der Mitte umgeschrieben, ich hoffe, jetzt ist er klarer.

Ich gebe Dir auch einen Link zu einem Artikel, wo näher auf die Lage heutiger Schüler eingegangen wird. Ist interessant!

https://www.handelsblatt.com/politik/deu…FVcblBiSdX1-ap2

Doro

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8

Montag, 10. September 2018, 10:40

Danke für den Link. Die neue Fassung der Geschichte gefällt mir besser, denn die Motivation der Eltern wird mir besser verständlich. Ihre Angst vor Mobbing, ja sogar körperlicher Gewalt in der Schule, eigene negative Erlebnisse am Arbeitsplatz, machen ihre Reaktion plausibler. Nur schade, dass ihre Besorgnis sie nicht sensibel genug macht für die Gefährdung ihres Sohnes durch die zunehmende Spielsucht. Aber das ist inzwischen, so denke ich, ein tatsächlich vermehrt auftretendes Phänomen in vielen Familien.

9

Montag, 10. September 2018, 17:20

Der Schluss ist von mir gewollt, aus dem Grund habe ich auch Hellen eingeführt, die in der Geschiche überhaupt nicht auftaucht. Ohne Hellen, wäre es nur eine interne Familiengeschichte. Hellen erfüllt die gleich Funktion wie "Neger-Karl", er ist eine Tür, die eine Außenansicht ermöglicht.

Vielleicht regt Dich der Link zu eigenen Gedichten an? Jedenfalls ein spannendes Thema.

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