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  • »Rolf Ronck« ist der Autor dieses Themas

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Wohnort: Völklingen

Beruf: RnTnR + Ringelroth-Double

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1

Dienstag, 11. September 2018, 13:40

Mein Nachbar, meine Drohne, mein Desaster

Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen aussieht, kommen Sie gut mit Ihrer Nachbarschft aus? Es gibt da ja die unterschiedlichsten Typen, vertrauensvolle und solche die man lieber von hinten sieht.
Welchen Nachbar würde ich bitten, mich auf seine Toilette zu lassen, während meine verstopft ist, und der Handwerker erst morgen kommt?
Oder wem vertraue ich so sehr, dass ich ihn meine Frikadellen fertig braten lasse, während ich noch schnell zum Supermarkt düse und den Salat kaufe, den ich vergessen habe?

Die einen nerven, von den anderen hört und sieht man kaum etwas, manche meidet man, wie die Katze die Dusche, manche findet man sympathisch.
Nun, der Nachbar von dem ich Ihnen jetzt erzählen möchte, gehört in die Kategorie..., ja, in welche eigentlich?
Also im Grunde genommen, komme ich gut mit ihm zurecht. Er lebt alleine, jedenfalls einige Wochen im Jahr. In den anderen sieht man ihn mit wechselnden weiblichen Begleiterinnen.
Sein Erscheinungsbild ist eher machohaft.
Er ist Anfang vierzig, groß gewachsen, muskulös, immer in schwarzem T-Shirt und schwarzer, enger Jeans gekleidet. Er fährt einen alten Ford Mustang, und bei warmem Wetter hört man aus seinen geöffneten Fenstern laute Musik. Beatles, Stones und The Who. Die waren zwar in seiner Jugend schon Veteranen, aber aus irgendeinem Grund hat er wohl einen Narren an dieser Art Musik gefressen.
Wenn wir uns mal zufällig vorm Haus, oder beim Einkaufen treffen, wechseln wir höflich ein paar Worte übers Wetter, ansonsten haben wir kaum Berührungspunkte. Jeder lebt in seiner Welt.
Wie dem auch sei, sie können sich nun ungefähr vorstellen, welche Art von Mensch im Nachbarhaus wohnt.
Was er über mich denkt, weiß ich nicht.
Meine anderen Nachbarn und ich halten ihn für einen Mann, der gerne den Rambo gibt. Ein Macho, der auf dicke Hose macht, aber irgendwo in einer pubertären Vergangenheit stecken geblieben ist. Der nicht bindungsfähig ist, der aber im Großen und Ganzen nicht negativ auffällt. So lange er samstags vor seinem Haus den Bürgersteig kehrt, wird er von uns geduldet, jedoch still und heimlich belächelt

Dieses Bild wurde für mich vor wenigen Wochen innerhalb weniger Sekunden total zerstört. Ich bin immer noch schockiert. Mein Glauben an meine, sich über Jahrzehnte angeeignete Menschenkenntnis, liegt zertrümmert und zerschlagen vor meinen Füßen.
Und das kam so:
In einem Werbeblatt eines großen Elektrohändlers stieß ich auf das äußerst günstige Angebot einer Kameradrohne. Schon lange hatte ich mich für dieses Spielzeug der Gelangweilten interessiert. Und nun konnte ich nicht anders. Am nächsten Tag erstand ich für knapp 300 Euro den Quadrocopter „Holy Throne HT 100“ mit GPS,live übertragender HD-Kamera, Follow-me-Funktion und 120 Grad Aufnahmewinkel.
Sowie ich die Bedienungsanleitung überflogen und einigermaßen verstanden hatte, und der Akku aufgeladen war, fuhr ich mit meinem neuen Spielgerät zu einem abgeernteten Kartoffelacker und ließ den Quadrocopter fliegen, bis die Rotoren qualmten. Er funktionierte wie geschmiert, und ich atmete an diesem Tag so viel frische Luft, wie lange nicht mehr.
An der Fernsteuerungsbox, kann man das Smartphone befestigen und live die Bilder verfolgen, die die Drohnenkamera gerade aufnimmt. Hoch oben, so lautlos wie ein Vogel, schwebt nun mein drittes Auge und zeigt mir alles aus sicherer Entfernung, wie ein Spionagesatellit.

Spionagesatellit...dieses Wort ging mir irgendwie nicht mehr aus dem Kopf.
Ich könnte doch..., aber das tut man doch nicht!
Aber es sieht doch keiner, wenn ich warte, bis es dunkel ist.
Aber dann siehst du doch auch nix.
Doch! Ich könnte ja mal...nur kurz...durch die Fenster in die beleuchteten Zimmer...

Ich weiß nicht mehr, wie viele Tage ich mit mir und meinem schlechten Gewissen gerungen habe. Ich weiß nur, dass ich diesen Kampf verloren hatte.

Es war an einem Sonntagabend im August. Der Tag war brütend heiß gewesen und jeder, der ein Fliegengitter vor seinen Fenstern hatte, war froh, jetzt, nachdem die sengende Sonne endlich hinterm Horizont verschwunden war, Fenster und Türen aufreißen zu können, um frische Luft in die stickig-warme Wohnung zu lassen.
Das tat auch ich. Dabei hörte ich, dass auch mein Nachbar seine Fenster geöffnet hatte, denn ich vernahm leise Stimmen, untermalt von Geigenmusik, von denen ich vermutete, dass sie aus seinem TV-Gerät kamen. Ich konnte nicht verstehen, was da gesprochen wurde, aber diese Situation ließ diesen einen Gedanken, dieses eine Wort wieder in mir aufkeimen...
Ich tat, was ich tun musste.

Langsam und lautlos bewegte sich meine Drohne über den Zaun zum Nachbarn hin. Sein Wohnzimmer liegt im 1. Stock und ich konnte mattes Flimmerlicht erkennen, das mir zur Orientierung und Steuerung sehr nützlich war. Vorsichtig ließ ich die Drohne mit der Kamera hoch steigen und über die Fensterbank lugen.
Zu meinem Glück, waren die Vorhänge zur Seite gezogen und gaben mir freien Blick in sein Wohnzimmer. Das Fliegengitter störte nur minimal.
Mit klopfendem Herzen und schweißnassen Händen stand ich an meiner Hintertür und starrte gebannt auf mein Smartphone. Der Macho saß in einem Ledersessel und blickte auf seinen Fernseher. Ich konnte erkennen, dass er ein ärmelloses T-Shirt trug und nackte Füße hatte, alles andere war von der Sessellehne verdeckt. So weit so typisch für ihn.
Aber warum schaute er so unglücklich. Diesen Gesichtsausdruck hatte ich bei ihm noch nie gesehen. Warum rieb er sich ständig mit einem Taschentuch über die Augen. Das sah ja fast so aus, als weinte er.
Sofort drehte ich den Quadrocopter so, dass die Kamera den Fernseher voll ins Bild bekam und zoomte näher ran.
Ich rückte meine Kopfhörer zurecht und konnte nicht glauben, was da abging.
Als ich verstand, was mich meine Augen und Ohren erleben ließen, als ich begriff, was dieser harte Kerl, dieser Rambo unserer Siedlung, dieser Macho aller Vorstadtmachos sich da im TV anguckte, setzte kurz mein Herzschlag aus, und der Schweiß spross mir schlagartig aus allen Poren.
Mir fiel ein, dass ich es eben noch in meiner Programmzeitschrift gelesen hatte:
Rosamunde Pilcher!

Sie werden sicher verstehen, dass ich die Drohne momentan keines Blickes würdige.
http://www.lulu.com/spotlight/tetracolor
Ich bin ein Ver-Rückter. Aber ich mag mich. 8)

Doro

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2

Dienstag, 11. September 2018, 14:13

Hallo Rolf,

insgesamt gefällt mir die Geschichte sehr gut bis auf ein, zwei Details. Ich bin mir nicht sicher, ob es nicht besser wäre, auf den etwas langatmigen Vorspann über Nachbarn im allgemeinen zu verzichten bzw. ihn zumindest zu kürzen.
Gut gefällt mir, dass hier humorvoll aufgezeigt wird, dass es fast nie stimmt, von nur äußeren Wahrnehmungen (Kleidung, wechselnde Frauen etc.) auf das Wesen eines Menschen zu schließen.
Noch einen Kick besser wäre es vielleicht (aber das ist nur so eine Idee von mir), wenn der Überraschungseffekt nicht gerade ein heulender Macho wäre, angerührt von Rosemunde Pilcher. Denn Macho und Pilcher-Konsum schließen sich nicht wirklich aus. Es ist lediglich die andere Seite der Beziehungsunfähigkeit, sich in einer Pilcherromanze auszuweinen statt sich der Erkenntnis seiner Beziehungsprobleme zu nähern.

Euch noch einen schönen Tag, Doro.

  • »Rolf Ronck« ist der Autor dieses Themas

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Dienstag, 11. September 2018, 14:26

Hallo Doro,
danke für deine freundlichen Zeilen.
Nun, der Anfang war ursprünglich noch länger und ich habe schon gekürzt, was das Zeug hielt (also für meine Verhältnisse)
Und ja, er könnte noch kürzer sein, aber ich erinnerte mich daran, wie ich als Leser gerne die Protagonisten etwas näher kennen lernen möchte.
Aber so ist halt jeder Leser - genau wie die Nachbarn - anders;)
Der wegen einer Schnulze heulende Macho mag nicht für jeden eine Überraschung sein, aber ich halte
ihn zumindest für staunenswert. Und der Erzähler der Geschichte war dermaßen geschockt!!! Was will ich da mach?;)
Vielleicht übertreibe ich damit etwas, aber das tue ich seeeehr gerne.
Liebe Grüße
Rolf
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Doro

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Dienstag, 11. September 2018, 15:21

Warum nicht, es ist Deine Geschichte. Anregend und zum Schmunzeln ist sie in jedem Fall.
LG Doro.

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